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Jahrelang hat das Trachtenkulturzentrum für Streit und Verdruss gesorgt. Bei der Eröffnung scheint das alles vergessen – und die Trachtler lassen sich zum begeisterten Seufzer hinreißen.

Der 120-Einwohner-Ort Holzhausen besitzt sämtliche Insignien eines gemütlichen Bauerndorfs. Von den angrenzenden Anhöhen aus fällt der Blick auf den Zwiebelturm der Valentinskirche und auf die Giebel einer Handvoll schnörkelloser Anwesen. Vom landesüblichen Siedlungsbrei mit inkorporierter Kraut-und-Rüben-Architektur blieb das Dorf bisher verschont. Und dann gibt es mittendrin noch den Pfarrhof, ein aus dem 18. Jahrhundert stammendes Anwesen, das eine überregionale Bedeutung erlangt hat. Der Pfarrhof und seine Wirtschaftsgebäude wurden zu einem einmaligen Trachtenkulturzentrum umgebaut. Am Wochenende ist dieses Jahrhundertprojekt eröffnet worden.

„Das neue Trachtenkulturzentrum ist ein echtes Aushängeschild in Bayern. Es zeigt: Bei uns in Bayern ist Brauchtum lebendig!“, sagte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bei der Eröffnungsfeier am Samstag. Trachtenverbandschef Max Bertl war bloß noch glücklich: „Für uns Trachtler ist das einer der größten Höhepunkte seit der Gründung des ersten Trachtenvereins im Jahr 1883.“ Freilich, dass es so weit gekommen ist, grenzt fast an ein Wunder.

Zehn Jahre lang wurde der in der Nähe von Landshut gelegene Pfarrhof umgebaut, sechs Millionen Euro hat das Projekt verschlungen, und den Bayerischen Trachtenverband hätte es deshalb beinahe zerrissen. Als die ersten Pläne auf dem Tisch lagen, regte sich lautstarker Widerstand. Die Kritiker sahen den Dachverband in ein finanzielles Abenteuer schlittern, auch der Standort gefiel nicht jedem. Im Jahr 2008 traten drei Gauverbände aus dem Trachtenverband aus, immerhin 15 000 Mitglieder aus dem Oberallgäu, dem Oberland und aus Mittelfranken waren damit weg. „Wir fürchten ein riesiges Finanzfiasko“, begründeten die Gauvorstände diesen Schritt.

Doch die Pleite blieb aus. Die Kosten wurden hauptsächlich aus Fördermitteln der Staatsregierung, der Bezirke Oberbayern und Niederbayern sowie aus Stiftungen gedeckt. Das 80 000 Quadratmeter große Gelände haben die Trachtler vom Erzbistum München-Freising auf Erbpacht erhalten. Außerdem leisteten die Mitglieder mehr als 30 000 unentgeltliche Arbeitsstunden, sie erneuerten Dachstühle, deckten Dächer ein und erledigten Putz- und Malerarbeiten. Und nicht zuletzt steuerte der Trachtenverband mit einer Umlage von fünf Euro pro Mitglied Eigenkapital bei. Ein ansehnlicher Batzen Geld kam da bei der großen Anzahl von Mitgliedern zusammen.

Durch den Umbau wurde ein einmaliges Baudenkmal vor dem Verfall gerettet. Der Pfarrhof von Holzhausen ist als Vierseithof konzipiert. Bis 1995 betrieb hier Pfarrer Anton Ostner den letzten Ökonomiepfarrhof der Erzdiözese München-Freising. Der Geistliche bewirtschaftete auch den zum Pfarrhof gehörigen Bauernhof mitsamt seinen Viechern, Äckern und Wiesen. Der Pfarrer war zugleich Landwirt. Nach Ostners Tod war der Hof verwaist.

Als der Bayerische Trachtenverband, in dem etwa 165 000 Erwachsene und mehr als 100 000 Jugendliche und Kinder organisiert sind, auf der Suche nach einer zentralen Geschäftsstelle war, schien Holzhausen wie maßgeschneidert zu sein. Die Erzdiözese München-Freising förderte die Pläne mit einem Erbpachtangebot. Die Trachtler seien Garanten für die Pflege bayerischen Brauchtums, das ohne seine Verwurzelung im christlichen Glauben gar nicht zu begreifen sei, ließ die Kirche damals verlauten.

 Der Pfarrhof, die Nebengebäude sowie der dazugehörige Grund boten alle Voraussetzungen für ein heimatpflegerisches Paradeprojekt: Neben dem Pfarrhaus, in dem jetzt die Geschäftsstellen des Bayerischen Trachtenverbands sowie der Bayerischen Trachtenjugend untergebracht sind, bietet das Ensemble einen Veranstaltungsstadel, ein Jugendbildungshaus mit Seminarräumen sowie ein Trachtenmuseum und ein Archiv, in dem gut 70 000 Exponate in klimatisierten Räumen und säurefreien Kartons aufbewahrt werden.

Das älteste Objekt des Museums ist eine Fahne des Gauverbandes Nordamerika aus dem Jahr 1875. „Damals gab es noch nicht einmal den Trachtenverband Bayern“, sagt Museumsleiter Wolfgang Gensberger. Im Gegensatz zu früher, als die Trachtler vor allem die Weitergabe der Volkstrachten im Sinn hatten, kümmern sie sich heute um sämtliche Belange der Heimatpflege, vom Dialekt bis hin zum Brauchtum und zur Baukultur.

Trotz des miserablen Wetters herrschte am Sonntag großes Staunen bei den überwiegend in Tracht erschienen Besuchern. „Des hamms wirklich schee hergricht!“, lautete der begeisterte Standardseufzer. Selbst die phänomenalen Gamsbärte wurden bereitwillig dem Regen ausgesetzt: „In der Natur tuts ihm ja aa nix“, sagte ein bodenfester Trachtler, ein echter Gamsbart ist eben wetterfest.

In Holzhausen haben Bayerns Brauchtum und Tradition eine beeindruckende Lokalität gefunden. Wer sich dort umsieht, muss fast den Eindruck bekommen, Bayern habe sich seit anno 1880 nicht mehr groß verändert.

Und doch lauert die Gefahr selbst in dieser Idylle, in der Raum und Zeit unantastbar zu sein scheinen. Beim Gang durch das Dorf fiel der Blick von Ministerpräsident Horst Seehofer an jeder Ecke auf riesige Plakate, welche vor einer gewaltigen Landschaftszerstörung warnten. Auch Holzhausen ist vom Fortschritt bedroht, die geplante Autobahn B 15 neu würde unmittelbar am neuen Trachtenkulturzentrum vorbeiführen und den Nerv dieses Kleinods zerstören.